Seit dreieinhalb Jahren steht die Ukraine nach dem Überfall Russlands unter Beschuss, ein Zustand, unter dem eigentlich kein normaler Tagesablauf möglich erscheint. Die Bezirksverordnetenversammlung des Bezirks Mitte regte deshalb an, eine Partnerschaft mit dem Kyjiwer Stadtteil Shevchenko zu initiieren. Das klingt jedoch viel zu abstrakt, denn eine Partnerschaft wird immer von den an ihr beteiligten Menschen getragen, die sich begegnen müssen, ansonsten bleibt es ein formaler und eher symbolischer Akt. Eine E-Mail des Vorsitzenden des Städtepartnerschaftsverein Mitte e.V., Ulrich Davids, zusammen mit Dr. Susanne Sachtleber, sollte das ändern.
Seit gut zehn Monaten, als der Städtepartnerschaftsverein Mitte an uns herangetreten war, ob wir uns vorstellen könnten, mit einer Schule im Kyjiwer Stadtteil Shevchenko eine Partnerschaft einzugehen, sind zahlreiche Vorbereitungen gelaufen, um einer Gruppe von zehn Schüler:innen und zwei Betreuerinnen eine kurzzeitige Erholung vom täglichen Beschuss durch Raketen und Drohnen zu ermöglichen. Dank großer Unterstützung der Bundeskoordination der Deutschen UNESCO-Kommission (DUK) mit Klaus Schilling sowie verschiedenster Institutionen, insbesondere dem Städtepartnerschaftsverein mit Ulrich Davids und Dr. Susanne Sachtleber, konnte zusammen mit unserer Schule das Recreation Projekt starten. Dennoch war und ist uns als Schule wichtig, dass der persönliche Kontakt essentiell ist für eine gelingende Partnerschaft, weshalb es auch vor allem um das Ermöglichen von Kontakten geht, um eine wirkliche Vertiefung dieser Partnerschaft zu erreichen. Im August wurde uns von der DUK mitgeteilt, dass die Schule Nr. 82 Taras Shevchenko im Stadtteil Kyjiw-Shevchenko uns besuchen würde. Die letzten Vorbereitungen konnten beginnen.
Am 18. September in Kyjiw mit dem Zug losgefahren, kam die Gruppe am 19. September abends am Hauptbahnhof und wurde dort mit Unterstützung von Alla, die für uns (auch in den kommenden Tagen) übersetzte, von Albrecht Barthel (Ernst-Reuter-Schule) und Andrej Schnell vom Brunnenviertel e.V. willkommen geheißen und in ihre Unterkunft in Tiergarten begleitet. Erschöpft nach der langen Zugfahrt, aber auch aufgeregt, was die kommenden Tage bringen werden, gingen sie zeitig zu Bett.
Am 20.09. trafen wir uns bei herrlichstem Spätsommerwetter zu einem ersten Ausflug im Grunewald, um uns gegenseitig kennen zu lernen und einen ersten Eindruck von Berlin zu gewinnen. Auf dem Teufelsberg, früher eine Abhörstation der Alliierten und heute eine der größten Streetart-Galleries Europas, zeigten sie sich beeindruckt von der Weite, die man dort oben gewinnen konnte. Doch schon dieser Ausflug machte auch die ständige Anspannung unter unseren Gästen deutlich, die sich z.B. zeigte, als ein Hobbyflieger mit dröhnendem Motor über unsere Köpfe hinwegflog. Kurzer Blick zum Himmel, ob Gefahr droht … Schon dieser Moment führte uns Deutschen vor Augen, wie belastend dieser Alltag für die Ukrainer:innen sein muss. Am darauffolgenden Sonntag war nach der Berliner Peripherie das Zentrum am U-Bahnhof Klosterstraße Ausgangspunkt einer Stadtführung durch das Nicolai-Viertel, Humboldt Forum mit Aussichtsplattform sowie als Endpunkt das gemeinsame Foto am Brandenburger Tor. Danach trafen wir uns zum gemeinsamen Abendessen in einem pakistanischen Restaurant. Diese gemeinsamen Essen wiederholten sich die folgenden Tage und stellten auch eine kulinarische Reise durch Europa und die Welt dar, darunter auch Ukrainisch mit dem obligatorischen Borschtsch.
Für drei Tage waren die ukrainischen Gäste auch an der Ernst-Reuter-Schule, wo wir ihnen mit dem AUB einen Rückzugsort als Safe space zur Verfügung stellten. Zusammen mit einigen Schüler:innen aus der Klasse 8.32 wurden die drei Tage ganz unterschiedlich gestaltet. Ein Bingo-Kennenlernspiel
auf Englisch zum Start brach das Eis recht schnell. Da man im AUB verschiedenste Spiele spielen kann, bei denen die Sprachbarriere keine große Rolle spielt, traten sie gegeneinander im Schach, in Mühle an oder andere gingen auf den Schulhof, um Basketball zu spielen oder auch Billard. Wer sich zurückziehen wollte bzw. eine Ruhe brauchte, machte das. Interessant zu beachten war, das die Ukrainer:innen immer wieder ein Lied intonierten, was sich als sehr populäres Volkslied herausstellte („Ой, у лузі червона калина“ – Oy, u luzi chervona kalyna), in dem es um einen Busch aus der Gattung der Schneeball-Arten geht (ähnlich dem Hollunder), der im Herbst rote Früchte trägt, die sehr gesundheitsförderlich sind. Das Lied gilt inzwischen als Freiheitslied, nachdem ein bekannter Musiker das Lied neu aufgenommen hat, bevor er seinen Dienst in der Armee antrat. Dieses Lied brachten sie unseren Schüler:innen bei und erklärten ihnen auch die Bedeutung.
Ein weiterer Höhepunkt war, dass wir – die Infrastruktur der AUB-Räumlichkeiten nutzend – uns miteinander bekochten und bebackten, es gab ukrainische Warniki (Teigtaschen aus Mehl, gefüllt mit Kartoffelbrei und geschmorten Zwiebeln), die mit Crème frâiche gegessen werden und Apfelkuchen.
Am letzten Tag an der Schule stellten die Schüler:innen – in traditioneller ukrainischer Kleidung – in der Klasse 8.32 ihre Schule mit den verschiedenen UNESCO- und anderen Aktivitäten vor und präsentierten dabei auch die Stadt Kyjiw sowie das ganze Land.
In den kommenden Tagen wurden unterschiedliche Aktivitäten unternommen, die auch ausdrücklich von den Ukrainer:innen gewünscht wurden, so eine Fahrt auf der Spree bei leider dann schon herbstlichen Temperaturen, die Teilnahme am Drachenfest auf dem Tempelhofer Feld, ein Besuch in der Kletterhalle am Nordbahnhof, das Technikmuseum sowie das Museum für Naturkunde, was sie wegen der Dinosaurier-Skelette besonders beeindruckte.
Der emotionalste Höhepunkt war dann am 30. September der Empfang bei Bezirksbürgermeisterin Frau Remlinger im Rathaus Tiergarten, wo den mit Geld und Knowhow unterstützenden Stiftungen und Organisationen gedankt wurde, darunter der DUK, dem Städtepartnerschaftsverein, der ERnmst-Reuter-Schule, Erich-Müller-Stiftung, Brunnenviertel e.V., Familie Russ sowie dem Bezrik Mitte mit Frau Remlinger und Robin Miehlke, verantwortlich für die Städtepartnerschaften im Bezirk Mitte, insbesondere aber auch von den ukrainischen Gästen. Tetjana Rudnik und Nataliya Shumakova, die begleitenden Lehrkräfte, sowie Maksym für die Schüler:innen betonten mit einem Schiller-Zitat, dass man durch diese Begegnung habe erkennen können, dass das Gute gesiegt habe, verbunden mit einer Einladung zum baldigen – und hoffentlich auch wieder möglichen – Gegenbesuch in Kyjiw.
Ein gemeinsames letztes Abendessen in einem griechischen Restaurant in Kreuzberg schloss den Tag ab, den sie am Nachmittag noch zu einem Andenken-Shopping genutzt hatten. Diese letzten Stunden verliefen sehr emotional, es wurde viel gelacht, aber auch Wehmut machte sich breit.
Zwei intensive Wochen gingen dann mit der Rückfahrt am 2. Oktober zu Ende. Die Nachricht am 3. Oktober abends, dass alle wieder wohlbehalten angekommen waren und ihre Eltern in die Arme schließen konnten, war beruhigend.
Fortsetzung folgt …
Albrecht Barthel